Certamen Carolinum - Reisebericht 2016: Reisegutschein der Elisabeth-Lebek-Stiftung
CERTAMEN CAROLINUM

Landeschülerwettbewerb Alte Sprachen NRW
Augustinerbach 7   52062 Aachen

1. Reisevorbereitung

Die Endrunde des Certamen Carolinum 2015 fand vom 19. bis 21. November in Aachen statt. Als wir am Morgen des 21. November vor der Preisverleihung in der Aula Carolina unsere Ergebnisse erfuhren, freute ich mich sehr, als ich hörte, dass ich von der Elisabeth-Lebek-Stiftung einen Reisegutschein erhalten würde. Natürlich wäre auch die Aufnahme in die Studienstiftung ein attraktiver Preis gewesen, aber eine Reise ist meiner Meinung nach insofern besser als ein Stipendium, als dass sich damit auch im Nachhinein sehr konkrete und schöne Erinnerungen verbinden lassen. Außerdem bot sich die Zeit nach den Abiturprüfungen, die ich im Mai dieses Jahres abgeschlossen habe, gut für eine solche Reise an.

Wieder aus Aachen zurück in meinem Heimatort Paderborn begannen die Überlegungen, welche Gegend zum Ziel meiner Reise erkoren werden sollte. In Frage kamen dabei der Golf von Neapel mit Pompei und Herculaneum und die Westtürkei mit Ephesos und Troja, beides Gegenden, die ich noch nicht kannte, die aber jeweils als Hotspot der antiken griechischen bzw. römischen Kultur gelten. Ich entschied mich für den Golf von Neapel, insbesondere deswegen, weil mich Neapel als eine etwas in Verruf gekommene Metropole und die beiden vielleicht wichtigsten Ruinenstädte aus der römischen Kaiserzeit begeisterten.

Für meinen Vater, der sich sehr darüber freute, mitreisen zu dürfen, und mich buchte ich im Voraus nur Flugtickets und Mietwagen, die Unterkünfte wollten wir ganz spontan festlegen. Wir entschieden uns dafür, nur mit zwei Rucksäcken unterwegs sein zu wollen, etwas, was sich schon am Flughafen in Düsseldorf bei der Gepäckkontrolle als guter Entschluss erwiesen hat. Und schließlich brachen wir am Sonntag, den 22. Mai, frühmorgens in Richtung Düsseldorf auf.

2. Unterwegs in Italien

Tag 1: Neapel

Nach einem an sich schon bemerkenswerten Landeanflug landeten wir gegen 11:15 am frühsommerlich warmen Flughafen Neapel-Capodichino. Dank unseres leichten Gepäcks konnten wir, ohne auf die Gepäckausgabe warten zu müssen, einen Bus in Richtung Innenstadt nehmen. Dort liefen wir vom Bahnhofsvorplatz, der Piazza Garibaldi, aus auf der zentral durch die Altstadt führenden Via dei Tribunali in Richtung Westen.

Die erste Sehenswürdigkeit auf unserem Weg durch das chaotisch anmutende, trubelige Centro storico war der Duomo di San Gennaro, ein architektonisch auffällig stark durchmischtes Bauwerk. In einer Nebenkapelle entdeckten wir das Battisterio di San Giovanni, ein spätantikes Taufbecken, welches von hervorragend erhaltenen Deckenmosaiken mit Abbildungen verschiedener Bibelszenen umgeben ist.

Eine Unterkunft fanden wir rein zufällig in einer der vielen Seitenstraßen, die von der Via dei Tribunali abzweigen. Eigentlich waren wir auf der Suche nach einem Hotel, welches in unserem Reiseführer empfohlen worden und auch vor Ort ausgeschildert war. Das Hotel war unauffindbar, dafür fanden wir in einem Innenhof ein B&B, das ruhig, aber trotzdem gut zentral gelegen war und unseren Ansprüchen damit völlig genügte.Nachmittags liefen wir zu Fuß über die Piazza Dante und die Haupteinkaufsstraße Neapels, die Via Toledo, in Richtung Hafen. Das königliche Teatro San Carlo konnten wir wegen Bauarbeiten leider nicht besichtigen, und auch die Galeria Umberto I. büßte wegen eines Baugerüstes einiges von ihrem eigentlichen Charme ein. Dafür wirkte die großräumig angelegte Piazza del Plebiscito durch den Auftritt einer Straßenband in der Mitte des Platzes umso belebter. Am Hafen bot sich uns erstmals der Blick auf die Reiseziele der kommenden Tage entlang des Golfes von Neapel, nämlich den Vesuv und die beiden Ruinenstädte an dessen Flanken, sowie entlang der Halbinsel von Sorrento in Richtung Capri.

Anschließend suchten wir uns den Weg durch das steil ansteigende, ärmliche Stadtviertel Spagnoli in Richtung des Castel Sant Elmo, einem der höchsten Punkte in der Innenstadt. Von dort aus hatten wir eine hervorragende Aussicht auf die Millionenstadt, die sich unter uns in verwinkelten Gassen erstreckte.

Auf dem Abstieg zurück in Richtung Innenstadt wird erst deutlich, wie steil die Höhenunterschiede auf engstem Raum in Neapel tatsächlich ausfallen. Das obige Bild wurde nicht etwa von einer erhöhten Standposition aus aufgenommen, sondern von den Treppenstufen, die in Richtung der Piazza Dante abfallen. Dort wieder angelangt wurden wir Zeugen eines merkwürdig anmutenden, aber offensichtlich alltäglichen Phänomens: eine Gruppe von Kindern und Jugendlichen, die auf der gesamten Fläche der Piazza, an der aber selbstverständlich auch Cafés platziert waren, Fußball spielten. Die älteren Generationen gingen unbekümmert mitten über die Spielfläche. Fast eine Viertelstunde lang sahen wir der neapolitanischen Jugend beim Kicken zu. Dann endete das Spiel mit einer Zurechtweisung durch eine beinahe vom Ball getroffene, entnervte Cafébesucherin, die das Spielgerät einkassierte.Abends kamen wir zum ersten Mal im Laufe der Reise in den Genuss einer preisgünstigen und dennoch hervorragend schmeckenden italienischen Pizza.

Tag 2: Pompei

Bevor wir das Monstrum Neapel in Richtung Pompei verlassen konnten, waren wir gezwungen, uns in das Verkehrschaos zu stürzen, was wir schon am Tag zuvor als Fußgänger hatten beobachten können. An der Piazza Garibaldi liehen wir uns einen Kleinwagen aus (leider ein Nissan und kein dort so typischer Fiat) und versuchten, die Stadt in Richtung Autobahn zu verlassen, was uns letztendlich auch geling.

Nach etwa einer Stunde Fahrt erreichten wir Pompei. Beeindruckend ist dort in erster Linie das Stadtbild und die Lage in direkter Nachbarschaft des Vesuvs und mit dem Blick insbesondere vom Odeon-Theater auf die Gebirgsketten im Süden der Ausgrabungsstätte. Die Casa del Fauno hat mir persönlich am besten gefallen; ein ehemals sehr wohlhabendes Wohnhaus mit großem Garten, welches seinen Namen von der hervorragend erhaltenen Statue eines Fauns erhalten hat, die im Atrium aufgestellt ist. Im Peristyl, das den Garten umgibt, findet sich außerdem ein aussagekräftiges Mosaik mit einer Darstellung der Alexanderschlacht. Aber auch einige andere Wohnhäuser beeindrucken durch ihre Anlage und die mit außerordentlich fein gemalten Wandfresken ausgestatteten Wohn- und Schlafräume. Häufig sind in Pompei auch antike Imbissbuden zu finden: jeweils ein kleiner Raum meist an einer Straßenkreuzung, der einen niedrigen Tresen mit runden, tiefen Löchern aufweist. In diesen Löchern wurden vor 2000 Jahren Töpfe zum Zubereiten von Speisen beheizt.

Schließlich ist auch das weitläufige Forum sehenswert, weil es die antike Stadtarchitektur mit der umgebenden Landschaft schön in Verbindung bringt.Pompei ist unserer Ansicht nach eine Stadt, die nicht durch einzelne Gebäude beeindrucken kann. Viel wichtiger ist hier das antike Stadtbild, der Eindruck einer gut erhaltenen Siedlung, die allerdings nur zu zwei Fünfteln freigelegt ist. Unter hoch aufragenden Erdhügeln und Pflanzenmassen liegen noch mehr als die Hälfte dieser Stadt begraben, und niemand weiß, welche archäologischen Werte immer noch unter der Asche und Lava des Vesuvs begraben sind. Es bleibt zu hoffen, dass diese Stadtbezirke im Laufe der kommenden Jahrzehnte auch ausgegraben werden, damit der Besucher die Größe und Wichtigkeit dieser Stadt in römischer Zeit vollständig erfassen kann. Und apropos Besucher – überlaufen ist Pompei leider auch. Abends fuhren wir in unsere Unterkunft in Ercolano, in der Hoffnung, dass der für den nächsten Tag geplante Besuch in Herculaneum noch lohnenswerter ist als der im touristisch, weil außerordentlich berühmt, geprägten Pompei.

Tag 3: Vesuv, Herculaneum

Bevor ich auf den Ablauf des 3. Tages unserer Reise zu sprechen komme, müssen erst noch einige Sätze zu der Unterkunft in Ercolano gesagt werden, in der wir zwei Nächte verbracht haben. Mitten zwischen den architektonisch abenteuerlich gestalteten Mehrfamilienhäusern, die sich ähnlich wie in Neapel auch in Ercolano finden lassen, und in unmittelbarer Nähe zur Autobahn befindet sich dort ein hinter einem hohen, videoüberwachten Rolltor ein kleines Paradies: ein altes, gelbes, mehrstöckiges Haus, das umgeben ist von einem repräsentativen Garten. Drinnen erwartet uns ein B&B mit mehreren kleinen Appartements. Der Hausherr zeigt uns nicht ohne Stolz die verschiedenen Räume, die den Hausgästen abgesehen vom eigenen Appartement zur Verfügung stehen und die mit den verschiedensten Kunstgegenständen dekoriert sind. Außerdem gibt es dort eine Dachterrasse, die ein herrliches Rundumpanorama zum Vesuv, in Richtung Capri und Ischia und den gesamten Golf von Neapel entlang gewährt. Tatsächlich war das Haus im 18. Jahrhundert ein Jagdschloss des in Neapel residierenden Königs und war Bestandteil eines riesigen Naturparks, der sich in südöstlicher Richtung zum Vesuv hin erstreckte. Von diesem Park ist heute nur noch der bereits erwähnte kleine Garten übrig, ansonsten wurde der ehemals königliche Grundbesitz vollständig überbaut. Dennoch gewährt diese durchaus ungewöhnliche, aber ausgezeichnete Unterkunft einen guten Einblick in den Reichtum und den Wohlstand, der in Süditalien in der Königszeit vorgeherrscht haben muss.

Von der Villa liefen wir am Morgen zum Bahnhof der Circumvesuviana in Ercolano, von wo aus uns ein Bus auf den oberen Parkplatz am Vesuv brachte. Schon die Fahrt dorthin war abenteuerlich, da die vielen Haarnadelkurven für den Bus eine große Herausforderung darstellten. Wir stiegen oben aus, und uns erwartete dichter Nebel, in Kombination mit kalten Windböen und leichtem Nieselregen. Das Tal war nicht zu sehen, noch nicht mal zu erahnen, und der Wachposten am Zaun, der den Zugang zum Gipfelweg versperrt, teilte uns mit, dass wir noch einige Minuten warten müssten.

Oben am Kraterrand angekommen war auch im Inneren des Kraters so viel Nebel, dass der Grund nicht sichtbar war. Die Tiefe des Kraters ließ sich nur ansatzweise abschätzen. Trotz des ungemütlichen Wetters liefen wir ein Stück am Kraterrand entlang und hofften, dass sich der Nebel noch lichten würde, was allerdings nicht der Fall war. Also sind wir bald darauf wieder ins Tal gefahren. Von Ercolano aus haben wir den restlichen Tag über den Vesuv beobachtet: Er war fast durchgängig wolkenfrei.Am Nachmittag stand das antike Herculaneum auf dem Besichtigungsprogramm. Angesichts der doch eher geringen Größe der Ausgrabungsstätte versprachen wir uns anfangs nicht allzu viel von Herculaneum. Dort angekommen wurden wir allerdings positiv überrascht: kleiner als Pompei ist Herculaneum zwar definitiv, aber dadurch erstens leerer und zweitens übersichtlicher. Außerdem sind die einzelnen Häuser, die jeweils einen besonderen Zweck hatten, dort auf engerem Raum zusammengedrängt und besser erhalten. Besonders beeindruckend war hier eine augusteische Scola, deren Innenraum mit hervorragend erhaltenen Fresken ausgestaltet war und sehr detailliert die feinen Strukturen im Mauerwerk erkennen ließ. Direkt angrenzend, leider zum überwiegenden Teil noch von den Erdmassen unter der heutigen Stadt bedeckt, befand sich ein großer, ausladender Platz, der von bereits freiliegenden Säulengruppen umgeben war. Außerdem finden sich dort erstaunlicherweise zweistöckige Häuser, die anscheinend noch nicht einmal rekonstruiert wurden, sondern tatsächlich die Jahrhunderte unter der Asche gut überstanden haben. Die Thermen an der damaligen Küstenlinie waren leider aufgrund von Umbaumaßnahmen nicht zu besichtigen. Am unteren Ende der leicht zum Meer hin abfallenden Stadt – heute befindet sich an der Küstenlinie ein urzeitlich bepflanzter Sumpf – sind in fünf Grabkammern die freigelegten Skelette von einigen dutzend Toten zu bestaunen.

Nachdem wir Herculaneum wieder verlassen hatten, sah der Vesuv im Abendlicht – immer noch ohne Wolken! - so verlockend aus, dass wir uns entschieden, mit unserem Mietwagen noch einmal die Straße am Westhang hochzufahren und den Blick von oben zu genießen. Trotz der Tatsache, dass das Gatter zum Gipfel aufgrund der späten Uhrzeit verschlossen war, lohnte sich der Ausblick auf Neapel, das unter einer von der untergehenden Sonne beleuchteten Schicht von Hochnebel lag. Auf dem Weg nach unten hielten wir mehrfach am Straßenrand an, um den Sonnenuntergang zu bewundern und den wolkenfreien Ausblick zu genießen.

Tag 4: Paestum, AmalfitanaEigentlich hatten wir die Reise so geplant, dass sich alle Orte und Sehenswürdigkeiten, die wir

besuchen wollten, um den Golf von Neapel gruppieren. Wir haben allerdings doch spontan von Herculaneum aus den Umweg weg von den Küstenstädten rund um den Golf von Neapel nach Paestum auf uns genommen und wurden nicht enttäuscht. Die drei vorwiegend dorischen Tempel, die in dieser erst griechischen, später römischen Stadt zu besichtigen sind, waren die Reise in jedem Fall wert: Im Norden des rechteckigen Geländes liegt der Athenetempel aus der Zeit um 510 v. Chr., der auch einige ionische Elemente aufweist. Der besterhaltenste und größte Tempel ist der Poseidontempel, errichtet etwa um 470 v. Chr., bei dem die typische Innenarchitektur antiker Sakralbauten sehr gut zu erkennen ist. Er beeindruckt aber allein durch seine schlichte Größe und durch die Art und Weise, wie sich der Bau in die umgebende Landschaft einfügt. In direkter Nachbarschaft zum Poseidontempel gibt es außerdem den Heratempel zu besichtigen, mit einer Entstehungszeit um 550 v. Chr. das älteste der drei Bauwerke und das architektonisch am schlichtesten gehaltene. In römischer Zeit wurde dieser Tempel als Basilika genutzt. Die Anlage wird ergänzt durch antike Wohnviertel, in deren Überresten unter anderem ein großes Schwimmbad mit Kanalanbindung zu finden ist. Kurios ist in Paestum das relativ kleine Amphitheater aus römischer Zeit, welches exakt auf der Hälfte durch die Straße geteilt wird, die die archäologische Stätte mit der Landstraße in Richtung Agropoli verbindet.

Direkt auf der anderen Straßenseite liegt das archäologische Nationalmuseum von Paestum, in dem Kunstgegenstände und Wandgemälde ausgestellt sind, die in der antiken Stadt gefunden wurden. Bei unserem Besuch war die berühmte Darstellung des Tauchergrabs allerdings nicht zu besichtigen.

Mit dem Besuch in Paestum waren eigentlich alle Programmpunkte mit Bezug zur Antike abgehakt. Im Nachhinein waren wir sehr froh darüber, Paestum gesehen zu haben, weil die Ausgrabungsstätte einen völlig anderen Charakter hat als Pompei und Herculaneum: Es erscheint viel geordneter und ist wesentlich besser erhalten als die antiken Stadtstrukturen am Fuße des Vesuvs; es ermöglicht dem Betrachter aber vor allem, sich in die Geschichte der wenigen Bauwerke, die wirklichsehenswert sind, umso intensiver einzuarbeiten. Auf dem Rückweg in Richtung Neapel fuhren wir in Salerno von der Autobahn ab und begannen das Abenteuer SS 163, eine nüchterne Bezeichnung, welche die wunderschöne Küstenstraße entlang der Costiera Amalfitana beschreibt. Abenteuer vor allem wegen der positiven Aspekte der SS 163 – die unglaublich schöne Natur entlang der Steilküste, der Blick auf das Meer und die verschiedenen kleinen Ortschaften, die man auf dem Weg in Richtung Sorrento durchquert - , aber auch wegen der vielen Lastwagen und Reisebusse, die uns unterwegs entgegenkamen, unseren kleinen Nissan Micra in Bedrängnis bringen und uns immer wieder zum Rangieren und Ausweichen zwangen. Wir kamen aber doch unbeschadet in Atrani, unserem nächsten Übernachtungsort, an und liefen am Nachmittag über einige Treppen, die Atrani direkt mit dem hinter einem Felsvorsprung versteckten Hauptort Amalfi verbinden, zum lebendigen Zentrum der Amalfiküste, der kleinen, aber überfüllten Piazza vor dem Duomo de Amalfi. Angesichts der Tatsache, dass zu diesem Dom eine hohe Treppe hinaufführt, um den aufgrund der steil abfallenden Küste großen Höhenunterschied zwischen Dom und Piazza zu überwinden, ist der Dom auf erstaunlich großer Grundfläche in die Felsen hineingebaut worden und ist am Tag unseres Besuchs, dem Vortag von Fronleichnam, durch die vielen Blumen und den in einer Ecke stehenden Prozessionshimmel noch bewundernswerter. Abends erwartete uns auf der kleinen Piazza im Zentrum von Atrani ein gutes italienisches Essen, bevor wir uns auf den Weg zu einer kleinen weiß getünchten Kapelle machten, die etwa 150 Höhenmeter fast senkrecht oberhalb der Piazza liegt und nur über schmale, verwinkelte Gassen und Treppen zu erreichen ist. Erst im allerletzten Anlauf, nach einigen Treppen, die in Sackgassen endeten, fanden wir den richtigen Weg zu der Kapelle. Am Tor angelangt mussten wir feststellen, dass diese schon verschlossen war, wohl wegen der späten Uhrzeit. Den Sonnenuntergang über dem weit unter uns liegenden Atrani und dem Meer konnten wir von dort oben trotzdem genießen.

Tag 5: Capri

Recht früh am Morgen waren wir zurück auf der Küstenstraße, die bei der noch nicht allzu hoch stehenden Sonne fast noch schöner war als am vorhergehenden Nachmittag, und fuhren weiter inRichtung Sorrent. Ein Highlight unterwegs war der Blick auf Positano von der SS163 aus, leider fehlte uns aber die Zeit, das Küstendorf ebenfalls zu besichtigen. Gegen 13 Uhr erreichten wir Sorrent, wo wir unseren Mietwagen zurückließen und wenig später die nur zwanzigminütige Fährfahrt nach Capri auf uns nahmen. Capri, sicherlich der vornehmste und vielleicht auch berühmteste Ort im Golf von Neapel, sollte einen entspannenden Abschluss nach unserem vielfältigen Besichtigungsprogramm darstellen.

An der Marina Grande entschieden wir uns gegen die von Touristen völlig überfüllte Standseilbahn und liefen den steilen, aber schönen Fußweg hinauf, der auf direktem Wege in die Piazzetta in Capri-Stadt mündet. Glücklicherweise fanden wir in direkter Nähe zur Piazzetta in einer der vielen verwinkelten Einkaufsgassen ein ruhiges und verhältnismäßig erschwingliches B&B. Nachmittags liefen wir an das nordöstliche Ende von Capri, um dort die antike Villa Jovis, von der aus Tiberius und seine Nachfolger teilweise ihre Regierungsgeschäfte geleitet haben, zu besichtigen. Architektonisch kein Juwel (auch hier das Problem, dass einige Bereiche des antiken Gebäudekomplexes wegen Ausgrabungsarbeiten abgesperrt waren), aber dafür bot sich uns bei traumhaften Frühsommerwetter von der steil abfallenden Felskante ein atemberaubender Ausblick von Neapel über den Vesuv und Pompei bis zur Halbinsel von Sorrent und zum südlich davon liegenden Golf von Salerno. Lohnenswert ist auch allein schon der Weg vom Zentrum des Dorfes in Richtung der Villa Jovis, der gesäumt ist von kleinen, aber sehr gut gepflegten Ferienresidenzen und großen Obst- und Gemüsegärten.

Den Abend verbrachten wir im ab einer bestimmten Zeit wieder relativ leeren Dorf, in dem dann nicht mehr die einfacheren Tagestouristen unterwegs waren, sondern außerordentlich wohlhabende Urlauber, die in den gehobenen Restaurants ausgehen und die 5-Sterne-Hotels bevölkerten. Eine völlig andere, etwas ungewohnte Atmosphäre also, die aber angesichts der schönen Abendstimmung insgesamt ein sehr stimmungsvolles Bild vermittelt.

Tag 6: Capri

Auf meinen Wunsch hin standen wir am letzten richtigen Urlaubstag früh auf, um eine Wanderung im östlichen Teil der Insel zu dem berühmten Felsbogen, dem Arco Naturale zu unternehmen. Leider hatten wir auch hier nicht wirklich Glück mit unserem Besichtigungsvorhaben, sondern trafen einen eingerüsteten, weil angeblich dringend sanierungsbedürftigen Naturbogen an, der sämtliche Fotogenität vermissen ließ. Dafür sind wie an der Villa Jovis auch die Ausblicke auf das Meer und die Amalfiküste einfach atemberaubend, und das Wetter spielte am frühen Morgen einfach hervorragend mit. Unterwegs sahen wir von verschiedenen Aussichtsterrassen aus die im Stile der faschistischen Architektur erbaute Villa des Schriftstellers Curzio Malaparte sowie die berühmte Felsformation vor der Südküste Capris, die sogenannten drei Faraglioni. Auch ließ sich bereits erahnen, wie sehr die Felsküste von Höhlen direkt an der Wasseroberfläche, aber auch sogar viele Meter oberhalb des Meeresspiegels durchzogen ist.

Noch eindrucksvoller sahen wir die abwechslungsreiche Steilküstenlandschaft Capris allerdings von dem Ausflugsboot aus, auf das wir uns einige Stunden später zurück an der Marina Grande begaben. Im Uhrzeigersinn fuhren wir um die Insel herum, vorbei an der Villa Jovis, an vielen verschiedenen Höhlen mit aufregenden Lichtspielen und durch den mittleren der drei Faraglioni, dessen Öffnung für unser relativ kleines Ausflugsboot gerade groß genug war. Wir sahen auch die kleine und wesentlich weniger touristische Marina Piccola an der Südküste Capris, bevor wir uns in der Mittagszeit dem eigentlichen Höhepunkt des Bootausfluges, der Grotta Azzurra, näherten. Leider waren die etwa 30 Touristen auf unserem Boot nicht die einzigen, die an diesem schönen Freitagmittag auf den Einlass in die berühmte Höhle auf dem Wasser und am Fuß der Treppe, die direkt neben der Grotte von Anacapri aus mündet, warteten: Uns wurden zwei Stunden Wartezeit in der heißen, stechenden Mittagssonne angekündigt. Eigentlich hatten wir uns nach dieser Information schon gegen eine Einfahrt in die Höhle entschieden, aber irgendwann legte einer der vielen Ruderbootführer, auf deren Boote die Touristen umsteigen müssen, an unserem Ausflugsschiff an und fragte uns hartnäckig, ob wir nicht einsteigen wollten. Also doch ganz spontan die abenteuerliche Fahrt durch eine nur etwa 40 cm hohe, schon bei leichtem Wellengang noch kleinere Öffnung, die weiter ins allerdings geräumige Innere der Höhle führt. Und hier erwartete uns tatsächlich die Naturerscheinung, für die die Grotte so berühmt ist, in ihrer vollen Pracht: Unter uns entfaltete sich in den Tiefen des Meeres – das Wasser in der Höhle ist etwa 20 Meter tief – das geheimnisvolle blaue Leuchten, welches das Wasser, aber auch die Wände der Höhle in ein gespenstisches Licht taucht. Wie uns unser Bootsführer erklärte, gibt es auch in der Höhle noch Spuren der Römer, nämlich eine quadratische Öffnung, die früher einmal die Mündung eines Kanalsystems gewesen war. Untermalt wird die unwirklich erscheinende Atmosphäre durch den vielstimmigen Gesang der Ruderbootführer, vielleicht ein Ritual, um den Touristen ein wenig den Respekt vor der eigentlich sehr schön anzusehenden Höhle zu nehmen.

Nach diesem beeindruckenden Programmpunkt ließen wir den Nachmittag im Dorf von Capri ausklingen und besorgten einige Souvenirs für den Rest der Familie in Paderborn. Zu Fuß liefen wir noch einmal zur Marina Piccola hinab, einer der wenigen Orte in Capri, an denen die Küste nicht zu steil und felsig zum Baden ist, und genossen das angenehm kühle Mittelmeerwasser. Am späten Nachmittag brachte uns die Fähre zurück ins lebendige Neapel, nach der ruhigen, erholsamen Zeit auf Capri eine echte Herausforderung. Nach dem Abendessen in einem Hafenrestaurant fuhren wir bereits zum Flughafen, um dort die Nacht in einem nahegelegenen Hotel zu verbringen.

Tag 7:

Ein unspektakulärer Tag, der sich in einem Satz zusammenfassen lässt: Frühmorgens raus aus dem Hotel, Frühstück am Flughafen, ein um zwei Stunden verspäteter Flug nach Düsseldorf und schließlich im schwülwarmen, gewittrigen Deutschland die Autofahrt zurück nach Paderborn. Fliegen geht doch immer sehr schnell und riss uns abrupt aus unserer Urlaubsentspannung heraus und stieß uns förmlich in den Alltag hinein. Sehr schade eigentlich...

Rückblick:

Wir sind zusammen zu der Erkenntnis gekommen, dass wir sowohl mit der Auswahl unseres Reiseziels im Allgemeinen als auch mit dem Ablauf der Reise sehr zufrieden sind. Das antike Besichtigungsprogramm, der eigentliche Schwerpunkt der Reise, war ergiebig und, wie oben bereits geschildert, sehr vielfältig. Und auch das Balance zwischen Sightseeing und Entspannung ist uns eigentlich gut gelungen. Alles in allem also eine erfolgreiche Unternehmung, die mir als denkwürdiger Bestandteil meines Abiturjahres in Erinnerung bleiben wird.

Danksagung:

Bedanken möchte ich mich in erster Linie bei Frau Elisabeth Lebek, die durch den großzügigen Preis ihrer eigenen Stiftung die finanzielle Durchführung unserer Reise ermöglichte und meiner Ansicht nach damit einen sehr attraktiven Beitrag zur Anschlussförderung nach altsprachlichen Schülerwettbewerben leistet. Ohne diese wichtige finanzielle Förderung, aber auch ohne die Maßgabe, dass antike Besichtigungspunkte eine wichtige Rolle spielen sollen, hätte unsere Reise sicherlich nicht einen derart schönen und vielfältigen Verlauf genommen.

Bedanken möchte ich mich aber auch bei meinem Vater, mit dem ich eine sehr schöne Zeit mit guten und wichtigen Gesprächen verbringen durfte. Zu solchen gemeinsamen Reisen hat man leider wohl nur selten die Gelegenheit. Am Rande gilt ihm der Dank für das Steuern unseres Mietwagens, ohne den es wohl kaum möglich gewesen wäre, die Amalfiküste zu befahren und den ansonsten recht zeitaufwendigen Ausflug nach Paestum in das Programm aufzunehmen.

Johannes Kühle