Certamen Carolinum - Totgesagte Sprachen leben länger – Endrunde 2019

Johanna Jäger aus Geilenkirchen und Robin Helmig aus Bocholt gewinnen das Certamen Carolinum

Von Donnerstag, 21.11., bis Samstag, 23.11., trafen sich in Aachen die besten elf Schülerinnen und Schüler des Landesschülerwettbewerbs Alte Sprachen NRW „Certamen Carolinum“, um sich in den Fächern Latein und Altgriechisch miteinander zu messen. Der Wettbewerb wird seit 1985 vom Kaiser-Karls-Gymnasium und dem Verein zur Förderung der Alten Sprachen in den Schulen e.V. mit Unterstützung der Stadt Aachen ausgerichtet und feiert somit in diesem Jahr ein kleines Jubiläum.

Nachdem sich die Finalistinnen und Finalisten zunächst am Donnerstag bei Obst, Schokolade und Getränken ein wenig gegenseitig kennengelernt hatten, stand die erste Herausforderung an. In zwei Einzelgesprächen stellten sich die jungen Leute jeweils zwei Jurorinnen bzw. Juroren vor, um in die Studienstiftung des deutschen Volkes e.V. aufgenommen werden zu können. Hierbei mussten sie in den Auswahlgesprächen die Jury in puncto intellektuelle Fähigkeiten, Initiative und sozialem Engagement überzeugen. Eine Gelegenheit, sich auch privat näher kennenzulernen, bot schließlich das gemeinsame Abendessen von Jury und Teilnehmenden.

Am Freitagmorgen ging es für alle Beteiligten früh los, denn bereits um 8.00 Uhr präsentierte sich Maxim Marggraf vom Sankt Ursula Gymnasium in Geilenkirchen mit seinem Vortrag „Aeneas - Vorbild für die Römer und für uns?“ kompetent und überzeugend der Jury, wofür er später von Dr. Hermann Krüssel mit dem Preis des Vereins „Pro Lingua Latina e.V.“ ausgezeichnet werden sollte. Die Jurorinnen und Juroren zeigten sich während der Colloquia besonders beeindruckt von der hohen Qualität aller Präsentationen und den freien Vorträgen, die selbstbewusst von den Finalistinnen und Finalisten vor der 15köpfigen Jury gehalten wurden. Cicero hätte an den rhetorischen Fähigkeiten seiner Nachfahren sicherlich große Freude gehabt.

Große Freude bereitete den jungen Leuten aber vor allem Prof. Dr. Max Kerner, der Vorsitzende des Vereins zur Förderung der Alten Sprachen in den Schulen e.V. Er gewährte den Gästen einen tiefen Einblick in das Herz Aachens, den Aachener Dom. In zwei Führungen entführte er die Finalistinnen und Finalisten voller Leidenschaft in die Zeit Karls des Großen. Dass dieser Tag sichtlich anstrengend war, zeigte sich am Abend, als alle nach einem gemütlichen Pizzaessen müde ins Hotel zurückkehrten.

Der Samstag stand ganz im Zeichen des Feierns. Bereits am Morgen begrüßte die Bürgermeisterin der Stadt Aachen, Frau Dr. Schmeer, die Teilnehmenden und die Jury im Werkmeistergericht des Aachener Rathauses, um deren Leistungen zu würdigen. In ihrer Rede stellte sie die Bedeutung der Alten Sprachen für unsere Zeit heraus und zeigte anhand der Wandmalereien, wie wichtig es sei, die Kunst und Sprachen der vergangenen Zeiten entschlüsseln zu können.

Den Höhepunkt der Tage in Aachen stellte jedoch die Preisverleihungsfeier in der altehrwürdigen Aula Carolina dar. In diesem Jahr überreichte Yvonne Gebauer, die Ministerin für Schule und Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen, im Beisein der Generalkonsulin der Hellenischen Republik in Düsseldorf, Maria Papakonstantinou, und weiterer Sponsoren, u.a. der Stadt Aachen, der Sparkasse Aachen, der Lohmann-Hellenthal-Stiftung und der Evangelischen Kirche, persönlich den Preis des Ministeriums für Schule und Bildung NRW an Julia Langen aus Leichlingen. Dazu finanziert das Land NRW der Schülerin auch die mehrtägige Teilnahme am internationalen Lateinwettbewerb „Certamen Ciceronianum Arpinas 2020“ in Arpino/Italien.

Ministerin Gebauer betonte in der Aula des KKG in ihrem Grußwort den hohen Wert der Sprachen Latein und Griechisch im Sprachenangebot der Schule und auch in Bezug auf eine Bewusstseinsbildung für die Wurzeln Europas. Einen „Brückenschlag zwischen Vergangenheit und unserer Zeit“ sieht sie besonders gewährleistet, indem junge Menschen antike Texte mit einem Gegenwartsbezug interpretieren. Dabei käme dem Certamen Carolinum ein besonderer Wert zu: „Der Landeswettbewerb gibt jungen Menschen die Möglichkeit, sich auf hohem Niveau und gewinnbringend für die eigene Persönlichkeit mit der Antike und den Alten Sprachen zu beschäftigen. Die Leistungen der Schülerinnen und Schüler sind wirklich bemerkenswert. Sie zeigen eindrucksvoll, dass Latein und Altgriechisch zeitlose Sprachen sind, die eine lebendige Auseinandersetzung mit Fragestellungen ermöglichen, die ganz unterschiedliche Facetten des menschlichen Lebens betreffen“.

So behandelten die Schülerinnen und Schüler in der Endrunde in Aachen viele unterschiedliche Themen: Mit den Vorträgen „Gibt es einen gerechten Krieg im Sinne der Türkischen Offensive ‚Operation Friedensquelle‘“? (Anna Sophie Rößing aus Bocholt), „Wie erreichen wir den Frieden? – Die Pax-Tafel des Augustinus von Hippo“ (Moritz Passoth aus Hagen) und „Der Untergang des römischen Reiches – ein Spiegel der Geschichte?“ (Marlene Faßbender aus Hennef) bildeten aktuelle politische Entwicklungen einen thematischen Schwerpunkt der diesjährigen Colloquia.

Daneben lenkte Benedikt Löscher aus Duisburg mit seiner Erörterung „Kroisos oder welches Glück können wir uns leisten?“ den Blick auf existenzielle Fragestellungen, die Robin Helmig aus Bocholt mit seinen theologischen Überlegungen „Wieso lässt Gott das Leid zu? - Die Theodizeefrage bei Seneca“ fortführte. Dieser erreichte mit seinem Vortrag die Aufnahme in die Studienstiftung des deutschen Volkes e.V.

Ebendies gelang auch Johanna Jäger vom Gymnasium Sankt Ursula in Geilenkirchen. Von ihrer Leistung durften sich die ca. 200 Festgäste ein persönliches Bild machen, da Frau Jäger ihren Siegervortrag „Totgesagte Sprachen leben länger – erarbeitet anhand des Logosbegriffs aus dem Johannesprolog (Joh 1,1-18)“ als Festvortrag dem Auditorium vorstellte. Ihr souveräner Vortrag wurde von den Gästen mit lang andauerndem Applaus honoriert.

Die Preise der Studienstiftung überreichte Prof. Max Kerner, der in einem kurzen Redebeitrag den Festgästen das neue Logo des Certamen Carolinum äußerst unterhaltsam vorstellte und dabei auf dessen Grundlage, den Karlsdenar als die einzige europäische Einheitswährung vor dem Euro, hinwies. Die Abbildung eines kleinen Tempels auf dem Denar verweise auf die Religio Christiana, die das Wertefundament Europas dargestellt habe. Eine solche gemeinsame Wertevorstellung vermisse er heute in Europa, wie schon an den unterschiedlichen Abbildungen auf den Deutschen Euromünzen ersichtlich sei. Prof. Kerner forderte die Ministerin auf, sich für eine gemeinsame Wertesymbolik auf der Währung einzusetzen. Symbol könne hier die Brücke sein. Schließlich habe der französische Präsident Macron im Rahmen des Karlspreises auf die Übersetzung als neue Lingua Franca hingewiesen. Es gelte, das Fremde anzuerkennen und in das Eigene zu übertragen.

Einen besonderen neuen Preis brachte Maria Papakonstantinou, Generalkonsulin der Hellenischen Republik, aus Düsseldorf mit. Sie belohnte Sophia Grunewald aus Würselen für ihre Interpretation von Platons Gorgias 483a-484c unter dem Thema „Das Recht des Stärkeren versus die Stärke des Rechts“ mit einer mehrtägigen Reise nach Athen, in die Wiege der Demokratie. Die Generalkonsulin, deren Begeisterung für die Leistungen der Schülerinnen und Schüler deutlich sichtbar war, belebt damit die frühere Zusammenarbeit zwischen dem Certamen Carolinum und dem Generalkonsulat. Möge hieraus eine neue Tradition entstehen!

Einer weiteren aktuellen Diskussion widmete sich Nils Meul, Schüler des Kaiser-Karls-Gymnasiums in Aachen. Er beeindruckte die Juroren mit seinem Vortrag „Darf Satire alles?“, indem er Jan Böhmermanns Erdogan-Kritik im Sinne von Horaz‘ „ridentem verum dicere - mit einem Lachen auf den Lippen Wahres sagen“ untersuchte, und erhielt verdientermaßen den Reisepreis der Elisabeth-Lebek-Stiftung. Den Preis der Stadt Aachen überreichte Bürgermeisterin Dr. Schmeer an den Aachener Schüler Jasper Guckelsberger. Er hatte sich auf der Grundlage von Terenz‘ Adelphoe intensiv mit der Frage beschäftigt: „Pädagogik von gestern – Vorbild für heute?“. Als neuer Partner des Certamen Carolinum überreichte Dr. Claßen den Preis des LVR-Amtes für Bodendenkmalpflege im Rheinland an Benedikt Löscher aus Duisburg. Zum Abschluss der kurzweiligen zweieinhalbstündigen Feier verlieh Marco Sievert den Preis der Vereinigung der ehemaligen Schülerinnen und Schüler des Kaiser-Karls-Gymnasiums.

Den würdigen Rahmen der Feier bildeten die großartigen musikalischen Beiträge der beiden Schülerinnen Valentina Lu und June-Hui Koh sowie der grandios aufspielenden Konzertpianistin Lisa Zhu aus Heidelberg, letztjährige Preisträgerin des Wettbewerbs und Siegerin des Bundeswettbewerbs „Jugend musiziert“.

Jürgen Bertram / Alexander Weber

 

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