Nachdem im Vorjahr die Endrunde wegen der Corona-Bedingungen in virtueller Form stattgefunden und dies ebenso für die Preisverleihungsfeier gegolten hatte, war in diesem Jahr allen Beteiligten eine große Freude darüber anzumerken, dass das Kaiser-Karls-Gymnasium in Aachen wieder live als Endrundenort und die Aula Carolina auch endlich wieder als geeigneter Ort für eine Preisverleihungsfeier fungieren konnten.

Und so verbrachten neben den Jurymitgliedern acht Endrundenteilnehmerinnen und -teilnehmer, die es von anfänglich 74 Erstrundenteilnehmerinnen und -teilnehmern über die Facharbeits- und dann über die Sprachklausurrunde bis hierhin geschafft hatten, von Donnerstag bis Samstag eine anstrengende, aber auch erfahrungsreiche Zeit in der Kaiserstadt.

Vor Beginn der Abschlussfeier am Samstag empfing die Oberbürgermeisterin der Stadt Aachen, Frau Sibylle Keupen, die Finalistinnen und Finalisten sowie die Jurymitglieder im Rathaus, wo Professor Kerner, Vorsitzender des Vereins für Alte Sprachen in den Schulen e.V., der interessierten Zuhörerschaft in lebhafter Manier speziell den Krönungssaal erläuterte.

Kommen wir zu den Finalistinnen und Finalisten: Fünf junge Damen und drei junge Herren stellten in ihren Vorträgen in der Endrunde durch die von ihnen ihre frei gewählten Themen nachdrücklich unter Beweis, welche Bedeutung antike Texte im Kontext aktueller Bedingungen erlangen können und welch große Leistungen der Schülerinnen und Schüler dahinterstecken.

Oder um es mit den Worten von Ministerin für Schule und Bildung des Landes NRW Yvonne Gebauer auszudrücken: „Die Auseinandersetzung mit dem geschriebenen antiken Wort ist äußerst anspruchsvoll. Sie bedarf der exakten Analyse komplexer Satzstrukturen, des Erfassens tiefgründiger Gedankengänge und der kritischen und reflektierten Interpretation. Die Finalistinnen und Finalisten des Wettbewerbs haben diese Herausforderung eindrucksvoll gemeistert. Ihnen zolle ich meinen großen Respekt und gratuliere ihnen ganz herzlich zu diesem Erfolg.“

Frau Gebauer war nach 2019 wieder persönlich bei der Preisverleihungsfeier anwesend und zeichnete Leonie Teßmer, die am Bischöflichen Mariengymnasium in Essen-Werden dieses Jahr ihr Abitur abgelegt hat und bereits studiert, für ihre Arbeit „Salvete und Shalom. Wenn Tacitus die Alte Synagoge Essen besucht hätte“ mit dem Preis des Landes NRW aus. Zudem überreichte sie Juliette Theißen vom Bischöflichen St.-Josef-Gymnasium Bocholt als jüngster Teilnehmerin des Wettbewerbs einen Sonderpreis. Sie wird Nordrhein-Westfalen beim Internationalen Lateinwettbewerb „Certamen Ciceronianum Arpinas 2022“ in Italien vertreten.

Oberbürgermeisterin Keupen überreichte den Preis der Stadt Aachen ebenfalls an Juliette Theißen, die sich auf der Basis des platonischen Höhlengleichnisses in ihrem Endrundenvortrag mit Vorurteilen befasst hatte.

Als regelrechten Höhepunkt der Preisverleihungsfeier hatte Frau Jule Langen, ebenfalls bereits Abiturientin und im Studium, nach einer Begrüßung durch Jürgen Bertram, den Schulleiter des Kaiser-Karls-Gymnasiums, ihren Endrundenvortrag „Frag nicht mich, frag dich – der sokratische Dialog am Beispiel von Charmides 160d-161b“ dem Publikum dargebracht und dabei die Aktualität der sokratischen Maieutik speziell in der Verhaltenstherapie erläutert. Bemerkenswert dabei ist, dass Frau Langen, die bereits im Jahr 2019 Finalistin im Certamen Carolinum gewesen war, diesmal in der Endrunde ein griechischsprachiges Endrundenthema gewählt hatte. In der Zwischenzeit hatte sie die dafür erforderlichen Sprachkenntnisse in einer AG erworben und so zur Perfektion gebracht.

Neben ihr wurde auch Emilia Kaminski, Schülerin des Bischöflichen Gymnasiums Sankt Ursula in Geilenkirchen, mit der vorläufigen Aufnahme in die Studienstiftung ausgezeichnet. Frau Kaminski hatte sich in der Endrunde ebenfalls mit einem griechischsprachigen Thema befasst, nämlich mit den Tragödientheorien Platons und des Aristoteles. Die Laudationes und die Preisverleihungen erfolgten durch Professor Max Kerner, der Vorsitzender des Vereins für Alte Sprachen in den Schulen e.V. ist und als Historiker unter anderem sehr kurzweilig auf Urkunden und die karolingische Minuskel zu sprechen kam. Dabei betonte er den Wert der Schrift und insbesondere der Handschrift und kritisierte, dass die Gesellschaft die Bedeutung tradierter Werte aus dem Blick verliere.

Da dem Altgriechischen eine wesentliche Rolle in der diesjährigen Endrunde zufiel, war es umso schöner, dass der Generalkonsul der Hellenischen Republik in Düsseldorf, Herr Vassilis Koinis, höchstpersönlich den Preis der Hellenischen Republik in Düsseldorf, einen Reisepreis für zwei Personen nach Athen, überreichen konnte: Clemens Jäger, Schüler in der Q2 des bereits erwähnten Sankt-Ursula-Gymnasiums in Geilenkirchen, hatte sich in der Endrunde erfolgreich mit der Rolle von Wahrheit in der Politik befasst und dabei Platons Politeia zur Erarbeitung genutzt.

Das Lateinische rückte wieder mehr in den Fokus, als sich Frau Elisabeth Lebek mit einer lateinischen Rede an das Publikum wandte und im Anschluss Victoria Marner mit dem Reisepreis ihrer Stiftung auszeichnete. Frau Marner, Q2-Schülerin des auch schon benannten St.-Josef-Gymnasiums in Bocholt, war in ihrem Endrundenvortrag auf ein sehr aktuelles Thema eingegangen, nämlich auf die Corona-Krise. Sie hatte dabei die Frage gestellt, ob der 96. Brief Senecas an Lucilius als ein Leitfaden für die Pandemie dienen könne.

Herr Dr. Hermann Krüssel verlieh anschließend Jannik Riemann, der die Q2 des Gymnasiums Paulinum in Münster besucht, als Vorsitzender den Preis des in Aachen ansässigen Vereins „Pro Lingua Latina e.V.“. Riemann hatte seinen Endrundenbeitrag als platonischen Dialog über die Beurteilung der Herrschaft Karls des Großen nach den Maßstäben Ciceros vom rector optimus gestaltet.

Alexios Papachristopoulos, der die Q2 des Wuppertaler Carl-Duisberg-Gymnasiums besucht und sich im Finale auf der Basis von Sallust mit Ruhmsucht und Ehrbarkeit beschäftigt hatte, wurde für seine Leistungen im Wettbewerb mit dem Preis der Vereinigung der ehemaligen Schülerinnen und Schüler des Kaiser-Karls-Gymnasiums durch den Schulleiter Jürgen Bertram ausgezeichnet.

Schülerinnen des KKG-Orchesters bereicherten mit ihren Streichinstrumenten unter Leitung und mit Begleitung am Klavier von Frau Haake die Preisverleihungsfeier musikalisch und gaben der Veranstaltung dadurch einen sehr stimmungsvollen Rahmen.

Bernd Mentjes